"H66 - Habibi" - Geschichten-Foto-Buch

 

"Collective Memory-Cards: Alternatives Wohnen, Leben, Lieben"

 

Gefördert durch: ein Künstler-Stipendium des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft

 

Wohnungs- und WG-Suche ist in Zeiten der COVID-19-Pandemie ein noch schier unsäglicheres Unterfangen als ohnehin schon aufgrund von Gentrifizierung und demzufolge einem Mietenwahnsinn. Genau in dieser Zeit aber fällt die derzeit älteste noch bestehende Wohngemeinschaft Kölns, H66, am Hansaring 66, von jeher WG von Künstler*innen unterschiedlicher Kunstformen, der Gentrifizierung zum Opfer. Seit den 70er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts gibt es diese WG bereits. Von außen unscheinbar, von innen erzählt sie Geschichte und Geschichten. Wie Walter Benjamins Konzept des Überschreibens, bei dem das bisher Dagewesene noch als Schablone unter der neuen Schrift den Ausdruck mitformt, findet man innenarchitektonische Überlappungen jahrzehntelanger Wohngemeinschaften. Um ein Zeitzeugnis noch vor Abriss archivieren zu können, sollen Interviews mit den bisherigen Hauptmieter*innen der unterschiedlichen Jahrzehnte geführt werden, um daraus ein Geschichten-Foto-Buch zu erstellen. Dies stellt ein Zeitzeugen-Dokument dar - unterschiedliche prekäre Situationen von Künstler*innen in fünf Jahrzehnten, kulminierend in der für alle prekären Situation mit COVID-19.

 

Ich habe großes Interesse an Kontinuität des Themas: wie, gegebenenfalls auch alternativ, wohnen, leben und lieben Menschen in Deutschland? Wie bildet sich -auch bedingt durch die Corona-Pandemie- urbaner und ländlicher Wandel ab? Wem gehört die Stadt und wem könnte die Stadt gehörten? 
Derzeit bin ich interessiert an einer neuen Form der interaktiven Textarbeit und erarbeite sogenannte Collective Memory-Cards. Postkarten mit philosophischen Fragen, die beantwortet und gespielt werden sollen. Mein Vorhaben ist ein Memory-Text-Spiel als kollektives Gedächtnis und kollektive Erinnerung zu erstellen.Hierbei werde ich Stories von Menschen über ihr Wohnen, Leben und Lieben mithilfe von Interviews, Lesungen, Vor-Ort-Sein und mithilfe von Fragebogenpostkarten sammeln. Thematisch soll dies eine Vernetzung mit Kollektiv-Charakter zu neuen Erkenntnissen des Themas Alternatives Wohnen, Leben und Lieben sein.
Erinnerungskultur, das kollektive Gedächtnis ist seit Jahren ein mich künstlerisch beschäftigendes Thema. Es gibt positive Formen der kollektiven Erinnerung: Urlaubsreisen kulminierend in Postkarten, die gerade in ihrem Text ähnliche Dinge sagen, weil Menschen ähnliche Dinge erleben. Postkarten sind eine spezifische Form des Briefeschreibens: Im Gegensatz zu einem Brief sind Postkarten limitiert, sie bieten wenig Platz, der Absender erwartet keine Antwort und sie sind für die Öffentlichkeit ersichtlich. Mit diesem Projekt möchte ich diese Spezifika zunutze machen und ausreizen: Was passiert, wenn eine Postkarte philosophische Fragen stellt, Antworten erwartet und der Öffentlichkeit zugetragen wird? Können wir unser Handeln und unser kollektives Gedächtnis beeinflussen? Auch hin zu sozialeren, alternativeren, ökologischeren Gedankenkonstrukten und Taten?
Die zurückerhaltenen Karten werde ich wie ein Memory-Spiel mit ergänzenden Texten bei einer Lesungs-Performance im städtischen Außenraum in sowie auf den Sozialen Medien für ein interaktives Sprach-Text-Spiel veröffentlichen. Dieses Projekt, das Text und Interaktion mit dem Publikum vereint, werde ich als neue Ausstellungs-/Performance-Praxis weiter erforschen.

 

Status: in Arbeit

 

 

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© Britta Tekotte